Alle Beiträge von Peter P. Neuhaus

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Ja ja, das alte Lied:
Der Kapitalismus macht auch vor der Provinz nicht halt. Die immer stärker Richtung Abgrund strebenden Produktionsbedingen im Sauerland zwingen mich dazu, bemaltes Papier zu verkaufen, um die Familie zu ernähren, Holzscheite zum Verbrennen zu kaufen und auf eine dritte Rolex zu sparen.

Falls also die eigenen vier Wände so karg sind, dass selbst meine A3-Köpfe dort schmückend wirken können, will ich niemanden davon abhalten, von dieser Website zu tratschen und zu berichten. Spread the word!

More to come.

Abschließendes zum Franzmann

Der Franzmann ist von innen hohl
und außen aus Baguette.
Er trägt die Nase wie de Gaulle
und schmaucht la cigarette.

Er sucht stets nach der Zeit perdú
und knutscht mit nasser Zunge.
Spät abends isst er ein Menü
aus Auge, Hirn und Lunge.

Ein ganzes Huhn im ganzen Schwein
und einen Kälberschwanz,
das stopft der Franzmann in sich rein
wie Mais in seine Gans.

Des Franzmanns Liebe ist der Hit:
Ein Mann schafft sieben Frauen.
Die Frauen keuchen stets zu dritt
ins helle Morgengrauen.

Dann rauchen alle stark und schlimm
und bechern Beaujolais –
und wiederholen „Jules et Jim“
als tête-à-tête-à-tête.

Der Franzmann spielt andauernd Boule
und duftet nach Essenz.
Er findet Jean-Paul Sartre cool
und seine Existenz.​

Er nölt und nuschelt näselnd rum.
Das klingt zwar sehr beredt,
doch bleibt sein Gegenüber stumm,
weil es ihn nicht versteht.

Das ist, was ich vom Franzmann weiß,
von seinem Charme und Flair.
Er nimmt Macron als Gottbeweis
und brackwassert „La mer“.

Du sagst, mein Franzmannbild sei Mist?
Ich sag: Was weißt denn du?
Des Deutschen Lieblingsfranzmann ist
und bleibt doch: Winnetou!

gibt’s auch hier auf taz.de

Im Café Sommerende

Die Hitze knäckebrotet knisternd leis vom Himmel.
Propeller schrauben röhrend sich durch weiße Sahne.
Der Sommer summt ein letztes warmes mal. Ich ahne:
Das kann jetzt dauern bis zum nächsten Eiscafé-Gewimmel.

Vier Damen führen stumm die Kopftuchsammlung aus.
Zwei Kinder werfen Gabelstapler durch die Luft.
Dem Sommersterben eignet so ein süßer Duft.
Kurz tritt sogar der Falschparkmelderentner aus dem Haus.

Melonenbecher werden letztmalig mit Aaah! begrüßt:
Wer soll das alles essen?! So ein dickes Ding!
Synapsen platzen unter Kälteschock. Ein King,
der sich den letzten schönen Tag mit diesem Trumm versüßt.

Am Nebentischchen schießt mit frischer Föhnfrisur
ein frisches Paar sich Selfies mit dem Telefon.
Der Kellner macht ein klares Zeichen: Komme schon!
Danach verliert sich wie gewöhnlich von ihm jede Spur.

Drei Herren leiden einmal noch an breitem Gang
mit starkem Damenblick-Befall. Und obendrein:
Drei Sonnenbrillen helfen, Cary Grant zu sein,
an diesem letzten Strahletag vorm feuchten Übergang.

Nun also Auszug aus dem Sommerparadies.
Ein letztes Mal noch zahlen und dann ist es aus!
Ich schlendere espressoschwer besorgt nach Haus.
Wie schaff ich bloß den Herbst, der ist so langweilig und fies,

so leer, bedeutungslos … doch Rettung steht vor meinem Haus.
Ein Tisch. Ein Salafist hält mich für Augustinus: Lies!

Herbst, auf ein Wort

Die Zeit verrinnt. Schon naht uns der Oktober.
Und du, der du den Sommer jetzt beerbst
– Ja, genau du, Schwachmaten-König Herbst! –
machst uns das Leben sinnlos und zinnober.

So würdelos, wie du die Welt verfärbst,
den braunen Kehricht reinträgst wie ein Ober –
dein ganzes Indian-Summer-Rumgekober
ist echt zum Kotzen, Alter! Ekelhaft und derbst.

Kein Wunder, dass du keine Freunde hast.
Wie Peter Altmaier bleibst du alleine
und niemand spielt mit dir. Herbst, aufgepasst:

Nimm schleunigst deine modrig-feuchten Beine
von meinem Küchentisch. Du bist kein Gast!
Vergiss das nicht. Verpiss dich und zieh Leine.

Kurzmitteilung

Eines ist wohl sicher und ganz klar:
Nichts wird wieder so wie’s gestern war.
Gestern war es hell und scharf und licht.
So wie gestern wird es morgen nicht.

Morgen wird vielleicht so manches scharf.
Alles jedenfalls, was scharf sein darf.
Vieles wird auch licht, eventuell.
Aber es wird lange nicht so hell.

Ganz egal, was man euch auch verspricht:
So wie gestern wird es morgen nicht.
Kann man nichts dran ändern, tut mir leid.
Mehr zu sagen bleibt jetzt keine Zeit.

Drinnen. Draußen

Drinnen knarzt der Zugbegleiter
krachend Englisch durch den Draht;
wiehernd schnaubt ein Herrenreiter.
Draußen schweigt ein Apparat.

Drinnen dröhnt ein Anzugträger,
schlingend schmatzt ein Mann für zwei;
schnarchend sägt ein junger Säger.
Draußen fliegt still Welt vorbei.

Drinnen schenkelklopft ein Lachen,
lauthals zischt ein Pensionär;
lässt mit Knirsch die Zähne krachen.
Draußen schweigt’s, als wenn nichts wär.

Drinnen keift Investmentbanker
sich die Aktien dick und rund;
brüllend junger Weltenlenker.
Draußen leckt sich stumm ein Hund.

Drinnen grölt die Sportskanone,
lüstern pfeift der Lebemann;
quiekend gluckst die Amazone.
Draußen mäuschenstillt ein Tann.

Drinnen zanken Graf und Gräfin,
voll verkracht sich Rentnerpaar;
schrill verstrickt ein Schaf die Schäfin.
Draußen liegt tot Landschaft da.

Drinnen lärmt das halbe Leben,
Vorgeschmack des Weltgerichts;
dezibeles Erdenbeben.
Draußen hinterm Fenster: nichts.

Drinnen Kakophongewölle.
Draußen still und starr der See.
Drinnen Ausgeburt der Hölle:
Ruhezone, ICE.

gibt’s auch hier