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Kurzmitteilung

Eines ist wohl sicher und ganz klar:
Nichts wird wieder so wie’s gestern war.
Gestern war es hell und scharf und licht.
So wie gestern wird es morgen nicht.

Morgen wird vielleicht so manches scharf.
Alles jedenfalls, was scharf sein darf.
Vieles wird auch licht, eventuell.
Aber es wird lange nicht so hell.

Ganz egal, was man euch auch verspricht:
So wie gestern wird es morgen nicht.
Kann man nichts dran ändern, tut mir leid.
Mehr zu sagen bleibt jetzt keine Zeit.

Vorsatzvorrat

Im Januar wird nicht geraucht
Im Februar wird nicht getrunken
Im März den Damen abgewunken
Und im April recht viel getaucht

Im Mai entsage ich dem Mord
Im Juni wird sehr oft gebetet
Im Juli faste ich verspätet
August gehört allein dem Sport

Septembers mach ich mir Ragout
Und im Oktober täglich blau
Lärm im November mit der Frau
Geb im Dezember wieder Ruh

Das Internet der Dinge

Der Ofen recherchiert und kocht von ganz alleine
zur Freude jeder Hausfrau wie ein junger Gott.
Das Auto fährt sich algorithmisch selbst zu Schrott.
Die Heizung fühlt und weiß Bescheid: Mir friern die Beine.

Die Waschmaschine quasselt munter mit den Socken.
Der Kühlschrank macht ein cooles Selfie und bestellt.
Die Bohrmaschine funkt per Kabel in die Welt.
Der Stromrasierer kann summbrummend drahtlos rocken.

Beziehungsreich ist heuer unser Digital-Gedöns
und mannigfaltig stramm vernetzt sind Welt und Haus.
Der Mixer knipst mit einer Nachricht Twitter aus,
das AKW schmilzt dank der Spam-Mail eines Föns.

Per WhatsApp schwärzt der Toaster die Ergebnisse von Google.
Ganz Netflix steht dank Tante Trudis Trockenhaube still
und sendet nicht – weil Trockenhaubes starker Arm es will.
Bei YouTube gibt man sich vorauseilend die Kugel.

Doch sieh: Es ist auch immer Licht, wo so viel Schatten!
Nicht länger wird der Mensch vom World Wide Web gebraucht.
Er wird vom Fortschritt in der E-Pipe weggeraucht
und also reduziert auf Klicken und Begatten.

Die Wahrheit schneidet kalt mit scharfer Klinge:
Das Internet ist nicht mehr länger deins!
Auch ist es nicht – und war es niemals – meins.
Es ist ab jetzt das Internet der Dinge.

November

Dies ist das mieseste von allen miesen Wettern
Es legt den Finger in die Sommerende-Wunde
Eiskalte Katzen regnet es zuhauf und Hunde
Die Bäume schmeissen schon mit nassen Blättern

Kaum sag ichs, scheint schon wieder Sonne in die Runde
Die goldensten Novembernachmittage schmettern
Sie sind die liebsten mir von allen Herbstschmerz-Rettern
Bereiten mir die feinste Sonntagskaffeestunde

Ich will mich also nicht bei niemandem beschweren
So kann es bleiben, wechselnd nass, beständig schön
Herbsttäler will ich lobend wie ein Rohrspatz queren

Solange Wandel wandelt, grau und farbig fotogen
Nichts nicht und niemand nie will ich entbehren
Mein Lieblingsmonat ist eindeutig schizophren

Schöne Werbung – gute Werbung!

Gestern in der Provinz:
Im Kuhstall kam ein Buch zur Welt, wurde präsentiert und signiert – und für gut befunden!

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Der großartige Rüdiger Tillmann hat ca. 100 Cartoons getuscht – ich habe etwa 20 Gedichte hinzugefügt, die nicht groß stören – der Sauerländer WOLL-Verlag ließ alles zwischen Pappendeckel drucken – und nun ist es da: „Kuhgeflüster – Geschichten und Gedichte aus dem Sauerland“

Man sollte es kaufen, solange es noch kuhwarm ist! Im lokalen Buchhandel, oder direkt hier:

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Buchfoto: WOLL-Verlag

Zum aktuellen Stand der Sprachkritik

Es reicht’s nicht länger, „homogen“
und „übereinstimmend“ zu sein.
Es kann nicht „deckungsgleich“ allein
und „synonym“ so weitergehn.

Auch „einförmig“ ist uns zu schwach.
„Ununterscheidbar“ reicht nicht aus.
bei „einheitlich“ nimmt man Reißaus,
„unterschiedslos“ ist Weh und Ach.

Es müssen neue Worte her.
Die Sprache wird jetzt umgevolkt.
Wir haben uns flink, zäh, hart, schwer

und sinnhaft maximal umwolkt,
das Wort zum endlich-wieder-wer
aus Erbfeinds Achsel rausgepolkt:

identitär.

Im Café Herbst

Herren sprechen still in Apparate

Opernhäuser neigen zum Ermüden
Vögel sammeln sich bereits nach Süden
Damen lächeln still eine Fermate

Hundeleinen sichern schlaffe Rüden
Zuckerstreuer planen Attentate
Tauben tanzen eine Bachkantate
Fremde nuscheln lautstark Platitüden


Sonnenreste stürzen auf die Plätze
Stühle sind im Stapel halb verräumt
Ungeboben bleiben nun die Schätze

Säumnisstunden bleiben jetzt versäumt
Wunder gibts nur noch als Kaffeesätze
Ach, hätte ich doch alles nur geträumt

*
(Diese Zeilen verdanken einem Anlass
und einem Bilde sich.)

Herbst, auf ein Wort

Die Zeit verrinnt. Schon naht uns der Oktober.
Und du, der du den Sommer jetzt beerbst
– Ja, genau du, Schwachmaten-König Herbst! –
machst uns das Leben sinnlos und zinnober.

So würdelos, wie du die Welt verfärbst,
den braunen Kehricht reinträgst wie ein Ober –
dein ganzes Indian-Summer-Rumgekober
ist echt zum Kotzen, Alter! Ekelhaft und derbst.

Kein Wunder, dass du keine Freunde hast.
Wie Peter Altmaier bleibst du alleine
und niemand spielt mit dir. Herbst, aufgepasst:

Nimm schleunigst deine modrig-feuchten Beine
von meinem Küchentisch. Du bist kein Gast!
Vergiss das nicht. Verpiss dich und zieh Leine.

Abend, Dämmerung

Und wer seid ihr?

Zwei Krähen sind wir, wunderschön,
könn’ ungeküsst nach Hause gehn.
Das sind wir!

Ach so!
Ich dacht’, ich wäret Direktoren,
die sich am Abend selbstverloren
noch zwei, drei Kotletts blutig schmoren,
um dann wie kreischende Traktoren
den Schimmeln alle beide Sporen
hart in die Flanken reinzubohren
und rasch sogleich wie neugeboren
hoch in den Lüften zu rumoren.
– Das, dachte ich, seid Ihr.

Nein, tut uns leid, das sind wir nicht.
Schau: Wir sind ungeküsste Krähen.
Das kann man doch im Dämmerlicht
auch eigentlich gut sehen.

Ach so. Alles klar.
Nichts für ungut.