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Abschließendes zum Franzmann

Der Franzmann ist von innen hohl
und außen aus Baguette.
Er trägt die Nase wie de Gaulle
und schmaucht la cigarette.

Er sucht stets nach der Zeit perdú
und knutscht mit nasser Zunge.
Spät abends isst er ein Menü
aus Auge, Hirn und Lunge.

Ein ganzes Huhn im ganzen Schwein
und einen Kälberschwanz,
das stopft der Franzmann in sich rein
wie Mais in seine Gans.

Des Franzmanns Liebe ist der Hit:
Ein Mann schafft sieben Frauen.
Die Frauen keuchen stets zu dritt
ins helle Morgengrauen.

Dann rauchen alle stark und schlimm
und bechern Beaujolais –
und wiederholen „Jules et Jim“
als tête-à-tête-à-tête.

Der Franzmann spielt andauernd Boule
und duftet nach Essenz.
Er findet Jean-Paul Sartre cool
und seine Existenz.​

Er nölt und nuschelt näselnd rum.
Das klingt zwar sehr beredt,
doch bleibt sein Gegenüber stumm,
weil es ihn nicht versteht.

Das ist, was ich vom Franzmann weiß,
von seinem Charme und Flair.
Er nimmt Macron als Gottbeweis
und brackwassert „La mer“.

Du sagst, mein Franzmannbild sei Mist?
Ich sag: Was weißt denn du?
Des Deutschen Lieblingsfranzmann ist
und bleibt doch: Winnetou!

gibt’s auch hier auf taz.de

Drinnen. Draußen

Drinnen knarzt der Zugbegleiter
krachend Englisch durch den Draht;
wiehernd schnaubt ein Herrenreiter.
Draußen schweigt ein Apparat.

Drinnen dröhnt ein Anzugträger,
schlingend schmatzt ein Mann für zwei;
schnarchend sägt ein junger Säger.
Draußen fliegt still Welt vorbei.

Drinnen schenkelklopft ein Lachen,
lauthals zischt ein Pensionär;
lässt mit Knirsch die Zähne krachen.
Draußen schweigt’s, als wenn nichts wär.

Drinnen keift Investmentbanker
sich die Aktien dick und rund;
brüllend junger Weltenlenker.
Draußen leckt sich stumm ein Hund.

Drinnen grölt die Sportskanone,
lüstern pfeift der Lebemann;
quiekend gluckst die Amazone.
Draußen mäuschenstillt ein Tann.

Drinnen zanken Graf und Gräfin,
voll verkracht sich Rentnerpaar;
schrill verstrickt ein Schaf die Schäfin.
Draußen liegt tot Landschaft da.

Drinnen lärmt das halbe Leben,
Vorgeschmack des Weltgerichts;
dezibeles Erdenbeben.
Draußen hinterm Fenster: nichts.

Drinnen Kakophongewölle.
Draußen still und starr der See.
Drinnen Ausgeburt der Hölle:
Ruhezone, ICE.

gibt’s auch hier

Hotelfrühstück

Hölle ist, was hier der Fall.
Ort des Schlingens, Ort des Würgens.
Kein Inferno schlimmer. Nirgends.
Frühstücksraum mit Menschbefall.

Tiefer nie schläft die Vernunft.
Krachmann-Radio zerdröhnt
alles. Welt bleibt unversöhnt.
Grauens frühe Niederkunft.

Schöpfungsrest, wohin ich seh.
Tellertassenglasgeklapper,
Fußballwetterkindgeplapper:
kleine Bürger am Buffet.

Keinem hier ist etwas fremd.
Des Schlaraffen Paradies.
Niemand ist hier vor was fies.
Haargel, Axe und Kurzarm-Hemd.

Unheil nimmt so seinen Lauf.
Nachbarin hält nicht die Klappe.
Wurst aus Brot und Brot aus Pappe.
Kaffee hat den Kaffee auf.

O-Saft: stöhnt, Salami: kraus.
Yoghurt: klebt, die Mangos: alt.
Eier: weich, die Bohnen: kalt.
Niemand kommt hier lebend raus.

Dann ein Glück! Wie stummer Fisch
schielt ein Kind mich seitlich an,
rümpft das Näschen, lacht, und dann
beugt es sich auf meinen Tisch,

schließt die Augen. Kurzes Prusten.
Allen Schönheiten zum Trotz
fliegt ein Tropfen, fliegt ein Rotz.
Zweites Frühstück: Kinderhusten.

 

gibt’s mit schönem Bild auch bei der Tante taz

Taugt auch im November

Hellstes Unbunt

Schwer unbeeindruckt ziehen Schwäne Kreise.
Am andern Ufer seh ich Mädchen winken.
Ich lasse den Revolver langsam sinken.
Jetzt ist noch nicht das Ende meiner Reise.

Bis auf die Schwäne ist der See verwaist.
Die Mädchen rufen etwas übers Wasser.
Der Wunsch nach Stille, er wird still und blasser.
Und einmal mehr bin ich nicht Herr von Kleist.

Der Schmerz, die mir ureigene Domäne,
ist hier am See ganz leicht. Ein schlichtes »Doch!«
steht überraschend wo ein »Nein!« ich wähne.

Am Ufer heut ziert meinen Kopf kein Loch.
Es hindern mich die Mädchen und die Schwäne.
Die einen schon ganz weiß, die andern noch.

Im Herbst

Jetzt ist es Zeit. Das Jahr wechselt die Schuhe.
Ein Übergang voll Peng und Farbenknall.
Der Herbst ist keine Jahreszeit für Sündenfall,
für Grau-in-Grau nicht, nicht für Rumgemuhe.

Der Herbst taugt auch für Muße nicht und Ruhe.
Viel eher gilt wie stets und überall:
Wer jetzt kein Haus hat, geht halt in den Stall.
Veränderung liegt an und Indian-Summer-Rumgetue.

Denn wie das Grün im Wald und auf der Heide
sich bunt verfärbt, als sei die Welt ein Clown,
so wirft manch Rindvieh sich in Farb-Geschmeide.

Allherbstlich kann man dieses Wunder schaun:
Ganz sanft verfärben sich jetzt Stall und Weide
von Holstein-Schwarzbunt Richtung Obersalzberg-Braun.
 
 
(Ein Teaser aus dem Cartoonband „Kuhgeflüster“.
Gibt’s im lokalen Buchhandel und hier)

Für ein hier nicht anwesendes Bild

oben in den tischtuschbergen
oben bei den sieben zwergen
dort, wo kraniche sonst schlafen
sonne, mond und stern sich trafen

dort, wo noch die kühnste wolke
wässrig wird wie matte molke
dort, wo stets zum selbstpläsier
nebel schwadet auf papier –

droben in den tuschewipfeln
sehe ich auf japanzipfeln
manche zeichnerinnen schwitzen
über berghangpinselspitzen

Fujiwara Panno Mototoshi (1060–1142)

(das zugehörige Bild findet man hier)