Und plötzlich stehn wir hier

Mein Stammcafé? Mein Stammcafé ist eine schöne Frau.
Stark, kraftvoll, fähig, meinen Gram zu lindern.
Es ist der Ort, dem ich mich anvertrau.
Nun schließt es – und wie bitte sage ich’s den Kindern?

Mein Stammcafé? Mein Stammcafé ist wie ein kleiner Mann:
fragil und scheu. Und bald schon ist es fort.
Es gibt nichts, was man da noch tun kann.
Und doch: Es bleiben Fragen, heute, hier an diesem Ort:

Wo soll ich denn von nun an melancholisch sitzen?
Wo darf demnächst ich nach Verzehr noch gerne bleiben?
Wo soll ich nächstens nach dem Grappa schwitzen?
Wo soll ich lesen, wo im Herbst die langen Briefe schreiben?

Wo soll Susann nun Angst vor Wespen haben?
Wo hört nun Thomas Freitags seine Stimmen?
Wo sollen wir uns vor des Lebens Zumutung vergraben
an guten Tagen und an schlimmen?

Wo bitte sonst erwartet uns ein Füllhorn leckrer Gaben?
Wo bitte sonst schmeckt Kuchen zart nach Bach-Kantaten?
Wo bitte solln in Zukunft wir uns laben,
die wir Genüsse suchen nicht aus Automaten?

Und: Wo bitte geht die GAGGIA hin, um still und leis demnächst zu sterben?
Wer wird bis dahin denn für sie noch sorgen?
Wird sie ein Schrotthandel zum Einschmelzen erwerben?
Ach, ohne GAGGIA seh ich heut für uns kein Morgen!

Soviele Dinge, die nun wohl nicht mehr geschehen.
Kloppo beispielsweise war noch niemals im Café.
Auch Monsiueur Depardieu ward hier noch nie gesehen.
Obwohl – um den ists nun egal, das tut nicht weiter weh

Nie wieder aber eine Tafelrunde voll Geschmäcker.
Nie wieder eine Vernissage mit Krach und Schmiss.
Nie wieder Rote-Beete-Mittagstisch-Geklecker.
Nie wieder zuschauen bei der Kuchen-Genesis.

Nie wieder Negerjazz am Tag vorm letzten Tag des Jahres.
Nie wieder wirds geschehn, das hier etwas geschehen wird.
Nie wieder dies entspannte Lächeln im Gesicht des Paares,
das hier den Laden jahrelang so bravourös organisiert

Es wird nie eine Talkshow geben, hier im Echt,
und eine 50. Geburtstagsfeier nicht von mir.
Es wird – das ist mir alles andere als recht –
so schnell nichts wieder geben, wo so gerne Teil ich bin vom WIR.

Dabei hat alles doch so wild begonnen.
Mit Renovierung, Opening und mit Berliner Krach.
Mit Durcheinander, Chaos. Fast zerronnen
wär das Café schon kurz nach Öffnung! Aber ach!

Nach großem Personalverlust hier an der Ecke Kaiser/Garten
stieg rasch und schön dann weißer Rauch aus dem Kamin.
Darauf schien Menden und das Café Echt zu warten:
Der Heilge Geist hat damals sich entschieden für Janine!

Soviele Irrungen und Wirrungen und Dramen
und Lustspiele, Tragödien, Gebete.
Soviel Veränderung, soviel verschiedne Damen
Und mittendrin die mächtige Konstante: Margarete!

Nun also ist der Vorhang zu und alle Fragen offen.
Es kreischen meine Nerven im Tumult.
Ich weiß: Es gibt da nichts zu betteln und zu hoffen.
Nur dies noch: Wer zum Teufel ist an diesem Scheißdreck schuld?

Wenn ihr uns bekochtet, aßen wir dann nicht?
Wenn ihr uns freudig überraschtet, freuten wir uns nicht?
Wenn ihr uns die Rechnung präsentiertet, zahlten wir sie nicht?
Wenn ihr uns auf Wiedersehen sagtet, sahen wir uns dann nicht wieder?

Haben wir denn nicht genug getrunken?
Aßen wir denn nicht soviel wir konnten?
Betrogen wir euch etwa in den anderen Spelunken?
Sehnten wir uns je nach andrem hinter fernen Horizonten?

Mitnichten – alle machten alles richtig.
Ihr machtet alles richtig, und auch wir.
So ist das wohl im Leben: Viel scheint wichtig
und kaum was ists – und plötzlich stehn wir hier.

Es nutzt ja nichts: Wir sind ja alle längst erwachsen.
Es nutzt ja nichts: Da beißt die Maus kein’ Faden ab.
Es nutzt ja nichts: Kein Witz, kein Reim, und keine Faxen.
Es ist das was es ist: Und alles andre – Papperlapapp!

Seit heute sitzt der Weltengram mir wieder locker.
Seit heute wird in meinem Leben wieder scharf geschossen.
Seit heute bin verurteilt ich zum Stubenhocker.
Seit heute nämlich hat mein Stammcafé geschlossen.

Ein Gedanke zu „Und plötzlich stehn wir hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.