Im Sommer

Die Glut liegt waschbetonschwer auf Rabatten
Und Hitze greift das Jahr ganz ohne Bitten
Die Weiden schwitzen satt wie pralle Quitten
der Weltgeist droht in Wärme zu ermatten

Wer kann, lässt sich in kühler Gruft bestatten
Denn Geistes Schlaffheit lässt sich nicht lang bitten
Auf heißem Hengst kommt Schwüle angeritten
Hell ist das Licht und dunkel sind die Schatten

Darin, in Gruppen unter schweren Bäumen
Verweilen schläfrig matt, wie große Ziegen,
Zwölf Kühe, die von kalter Frische träumen

Sie tun, was man bei Hitze tun soll: liegen
Und könnten fast den Sommer so versäumen
Wär da nicht das Gebrumm von zwölfmal tausendutzend Fliegen


Vorankündigung:
Im Oktober wird im WOLL-Verlag ein Buch mit Cartoons von Rüdiger Tillmann erscheinen. Es trägt den prachtvollen Titel Kuhgeflüster. Ich steuere ein paar Gedichte bei – so zum Beispiel dieses Sommer-Gedicht. Watch out – there is more to come!

Der Sommer. Ein Loch.

Sommer ist von innen hohl
Wetter wettert kapriol
Mittendrin und brumm & dumm
steht das Sommerloch herum

Spannung ist wie weggefegt
Wichtiges ist abgelegt
Journalistenblütezeit
Handtuchthemen weit und breit

Müde scheint ein jeder Held
Schlaftablettenhaft die Welt
Selbst in Südamerika
langweilt sich Olympia

Dumme Jugend sowieso
schlapptrabt Pokémon-to-go
Trägheit zieht die Stiefel an
Merkel wandert mit dem Mann

Langeweile, Ach und Weh
schafft wie stets die SPD
Kanzlerhaft erleidet sie
Kandidaten-Allergie

Leer und trostlos noch und noch
Flügellahmes Sommerloch
Träg und monoton und viel
Fehlt bloß noch ein Krokodil

Die neuen Sommerhelden sind da!

Die Rocker wechseln kreidebleich die Seite,
die Drogendealer fliehen aus der Stadt.
Selbst Kirmesboxer suchen nachts das Weite,
wenn wer die Helden hergerufen hat.

Der Mafiaclan lässt alles stehn und liegen.
Das Pflaster wird für Hooligans zu heiß.
Für Nazis gibt es nichts mehr endzusiegen,
geraten sie in ihren Wirkungskreis.

Wo selbst Bruce Willis kneift und leise weint,
weil ihn die Schurken dieser Welt verhöhnen;
wo auch ein Gott sich gänzlich hilflos meint,
da retten uns die Starken und die Schönen:

Denn wem ist keine Kampfkunst fremd?
Dem Leptosom im Freizeithemd.

Wer steht als Fels in der Randale?
Der Studienrat in der Sandale.

Wer kann den Schurken Schmerz entlocken?
Der Pensionär in Tennissocken.

Wer ist ein Held, wenn Schlachten tosen?
Der Schlacks in Siebenachtelhosen.

Das Böse hat nicht mehr zu melden
wenn sie erscheinen: Sommerhelden!

PS:
Und Jungfraun vor dem Drachen retten
kann nur der Herr in Adiletten.

Vorhersage

Der Himmel indigot sich drohend tief ins Komatöse.
Wieso denn bloß? Jetzt eben opalierte er doch noch.
Bunt und perlmutten prangte er – nun dieses tiefe Loch.
Mahnt er uns an die Welt, die dünkelnde und ruinöse?

Zeigt Gott mit rauhem Lachen derart bös uns unser Joch?
Krampft deshalb dröhnend harsch uns kotzig das Gekröse?
Sinkt darum in der Wirtschaft steil die Summe der Erlöse?
Hilft überhaupt noch Wein und Weib jetzt, hilft noch Trank und Koch?

Schon rast ein Bimmelbammel scheppernd von den Türmen.
Schon schweigen zitternd alle Piepsevögel still.
Schon überschlägt das Wetter sich zu harschen Stürmen.

Schon hochskaliert ein Heul und Brumm zum Overkill.
Schon wütet es mit Hagel und Gewürmen.
Dann wieder Sonne, alles blau und sanft und still –

So wie der Mai nun auch der Juni: legitimer Erbe des April.

Güldener Greis

Heute früh, ab kurz nach acht,
ist in Leipzig Völkerschlacht.

Nein, bloß Spaß und gar nicht wahr:
Wir feiern heut den Jubilar!
Der niemals je sich hat geschont,
der schon in Ost und West gewohnt,

der fleißig, tapfer, immer heiter,
der frisch war, offen und so weiter
und maßvoll. Schaut, er braucht nicht viel,
nicht Spaß und Freud, nicht Tanz und Spiel.

Auch könnt nie wer vernünft’ger sein:
Er trinkt pro Tag bloß ein Glas Wein,
isst eine Scheibe Esspapier
als Freud- und Lebenselexier

und schläft zehn Stunden jeden Tag
in seinem goldnen Sarkophag.
Nie trieb er eine Stunde Sport,
und doch: Er ist der schlankste dort,

wo heute er Geburtstag feiert
und sich als Greis vor uns entschleiert.
Er zeigt uns Menschen wohlgestalt:
Wer derart lebt, wird ganz schön alt.

Nur Gott allein zeigt sich verwundert:
Der Katholikentag wird hundert.