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Kurzmitteilung

Eines ist wohl sicher und ganz klar:
Nichts wird wieder so wie’s gestern war.
Gestern war es hell und scharf und licht.
So wie gestern wird es morgen nicht.

Morgen wird vielleicht so manches scharf.
Alles jedenfalls, was scharf sein darf.
Vieles wird auch licht, eventuell.
Aber es wird lange nicht so hell.

Ganz egal, was man euch auch verspricht:
So wie gestern wird es morgen nicht.
Kann man nichts dran ändern, tut mir leid.
Mehr zu sagen bleibt jetzt keine Zeit.

Im Café Herbst

Herren sprechen still in Apparate

Opernhäuser neigen zum Ermüden
Vögel sammeln sich bereits nach Süden
Damen lächeln still eine Fermate

Hundeleinen sichern schlaffe Rüden
Zuckerstreuer planen Attentate
Tauben tanzen eine Bachkantate
Fremde nuscheln lautstark Platitüden


Sonnenreste stürzen auf die Plätze
Stühle sind im Stapel halb verräumt
Ungeboben bleiben nun die Schätze

Säumnisstunden bleiben jetzt versäumt
Wunder gibts nur noch als Kaffeesätze
Ach, hätte ich doch alles nur geträumt

*
(Diese Zeilen verdanken einem Anlass
und einem Bilde sich.)

Dresdner Zombies

Du gehst ganz einfach nicht kaputt.
Wir legten mehrmals dich in Schutt.
Wir haben alles längst versucht,
selbst Helmut Kohl hat dich besucht!

Du feierst Auferstehungsfest
nach jedem Krieg. Dir macht nicht Pest,
nicht mal die Treuhand den Garaus.
An dir beisst man sich Zähne aus.

Du Schattenreich! Schockschwerenot!
Man kriegt dich schlechterdings nicht tot.
Kaum rummst man dir die Kirche nieder –
Zack! steht das Frauendingsbums wieder.

Zwar fluten wir dich jedes Jahr,
ertränken dich – doch sonderbar:
Du schüttelst dich und lächelst nur,
bleibst unerlöste Kreatur.

Du bist das deutsche Zombie-Zeichen
und faszinierst so deinesgleichen.
Glückstrunken torkeln die in Massen
armschlenkernd bleich durch deine Gassen.

Denn dies ist Traum jedes Verwesten:
Am Montag Walking Dead in Dresden.

Immer im Winter

Immer falsch getrunken
alles durcheinander
immer schwer gelitten
Kopf aus Palisander

Immer falsch gegessen
alles durcheinander
quer durch alle Tierparks
Panda, Huhn und Zander

Immer falsch gestritten
laut und durcheinander
immer in Gesellschaft
selten miteinander

Immer falsch gelegen
völlig durcheinander
Wirbel aus den Fugen
Bandscheiben-Mäander

Immer falsch gevögelt
alles durcheinander
immer wie Kaninchen
nie wie Salamander

Immer falsches Workout
alles durcheinander
nie für die Synapsen
immer bloß Expander

Von der Erfindung der Arten

Wenn ich das so bei Licht beseh:
den Mensch, die Wurst, den DFB –
was unsre Welt besonders macht,
hat klar sich einer ausgedacht.

Das macht sich ja nicht von allein:
die Liebe und das Einsamsein.
Auch existiert nicht einfach so
der Straps, der Mops, das Haferstroh.

Glaubt wirklich jemand, dass das geht,
dass eins aus anderem entsteht;
dass Päpste und Helene Fischer
erblühten im Vererbungsmischer?

Nein, nein, das muss schon jemand wollen!
Giraffen, Cappuccino, Schollen,
Bikini – schlicht zu kompliziert,
als dass das einfach existiert.

Auch Zungenkuss und Koitus
sind was, was wer erfinden muss.
Die Katze hat ein viertes Bein –
das kann ja kaum ein Zufall sein!

Und wär nicht jemand stark gewillt,
gäb’s doch nicht so was wie die Bild
und Ebola und Krimradau –
IS, die ganze Tagesschau!

Das kann nicht Zeit, nicht Progression,
schon gar nicht kann’s Evolution.
Da braucht es einen echten Könner
und wahren Sugardaddy-Gönner.

So gut wie er kann es im Kosmos keiner:
Ein Hoch auf den Intelligent Designer!

Im Café Sommerende

Die Hitze knäckebrotet knisternd leis vom Himmel.
Propeller schrauben röhrend sich durch weiße Sahne.
Der Sommer summt ein letztes warmes mal. Ich ahne:
Das kann jetzt dauern bis zum nächsten Eiscafé-Gewimmel.

Vier Damen führen stumm die Kopftuchsammlung aus.
Zwei Kinder werfen Gabelstapler durch die Luft.
Dem Sommersterben eignet so ein süßer Duft.
Kurz tritt sogar der Falschparkmelderentner aus dem Haus.

Melonenbecher werden letztmalig mit Aaah! begrüßt:
Wer soll das alles essen?! So ein dickes Ding!
Synapsen platzen unter Kälteschock. Ein King,
der sich den letzten schönen Tag mit diesem Trumm versüßt.

Am Nebentischchen schießt mit frischer Föhnfrisur
ein frisches Paar sich Selfies mit dem Telefon.
Der Kellner macht ein klares Zeichen: Komme schon!
Danach verliert sich wie gewöhnlich von ihm jede Spur.

Drei Herren leiden einmal noch an breitem Gang
mit starkem Damenblick-Befall. Und obendrein:
Drei Sonnenbrillen helfen, Cary Grant zu sein,
an diesem letzten Strahletag vorm feuchten Übergang.

Nun also Auszug aus dem Sommerparadies.
Ein letztes Mal noch zahlen und dann ist es aus!
Ich schlendere espressoschwer besorgt nach Haus.
Wie schaff ich bloß den Herbst, der ist so langweilig und fies,

so leer, bedeutungslos … doch Rettung steht vor meinem Haus.
Ein Tisch. Ein Salafist hält mich für Augustinus: Lies!

Mensch, wir haben uns
ja lange nicht gesehen

Sag, weißt du noch, wie wir verliebt und leicht
rotzfrech in jedes offne Bettchen hüpften
und arglos wie zwei Fischlein ineinander schlüpften?
Sag, weißt du noch, wie unverfroren seicht

wir die bekeuchten, warmen Laken lüpften
und wie es war, wenn gänzlich wir erweicht
im Hahnenschrei – da warn wir unerreicht! –
gemeinsam uns das Nichts zum großen Einmaleins verknüpften …

Du schüttelst Deinen Kopf? Wie, bitte sehr?
Was das jetzt soll? Was? Wieso Kinderein?!
Das war so nicht? Und viel zu lang schon her?

Klar war das so! Da schwör ich Stein und Bein!
Hä? Du erinnerst dich nicht mehr?
Wie wir …? Und dass …?! Das kann ja wohl nicht sein!

Was? Du musst los? Der Rush-Hour-Verkehr …?
Ja, tschüssi! Dann … erinner ich mich halt allein …

Im Frühwald

Die Bäume stehen schlummernd in den Moosen.
Es ruht der See, die Luft ist schläfrig lau.
Ein jedes Grün verdämmert sich in Grau.
Die Farne tragen Tau-Pyjamahosen.

Der Nebel liegt noch bettwarm auf den Wegen.
Die Wege liegen wirr umarmt verschlungen.
Frau Wildschwein hat sich Ausschlaf ausbedungen.
Herr Hase mag so früh sich nicht bewegen.

Der Dachs beschläft die Dächsin in der Erde.
Die Füchsin träumt sich nackt im Hühnerhaus.
Freund Eule muss zum dritten Mal kurz raus
und träumt danach vom wilden Ritt zu Pferde.

Frau Bärin ratzt auf manikürten Tatzen.
Herr Marder macht nicht viel Brimborium
und dreht sich nach dem Wecken nochmal rum
auf flauschig weichen Marderhaarmatratzen.

Man schnarcht und sägt in Försters Meisenkästen.
Dem Nashorn klebt der Schlaf das Auge zu.
Kein Sänger singt. Nichts stört die Morgenruh.
Die Amseln hängen tiefentspannt an Ästen.

Doch horch! Da kommt ein Joggersmann daher,
der will auf schönstes Walderleben hoffen.
Das wird um diese Uhrzeit aber schwer:
So früh hat doch der Wald noch gar nicht offen!