To begin at the beginning:

Sein Großvater mütterlicherseits hatte in seinem Leben jede Menge Versprechungen gemacht und alle gehalten. Als gesicherte Versprechen, in der Familiengeschichte fest verankert, gelten die folgenden:

Das Eheversprechen, das er seiner Verlobten 1932 gab.
Die vielen, oftmals wiederholten Versprechen, zurückzukommen, ihre Liebe und die Familie nicht zu verraten, wenn er losfuhr als Reisender in Kurzwaren und Holt-Zwieback.
Das Versprechen zur SS, sein Eid, der ihn sechs Jahre binden sollte.
Danach die Versprechen den Frauen gegenüber: zunächst der einen, auf deren Hof er nach dem Krieg unterkam für ein paar Jahreszeiten und dann das zweite, grundsätzliche, gegenüber seiner Frau: zurückzukehren zu ihr und den Kindern, was dann noch einige Monate dauern sollte.
Das Versprechen, das er sich selbst gab: nochmal von vorne anzufangen, nach Krieg, nach SS, nach den Verbrechen, dem Entkommen, nach dem Fortsein und der Abwesenheit von allem anderen.
Das Versprechen an die Kollegen bei jedem neuen Streik im neuen Beruf: Nicht mit uns, Genossinnen und Genossen.
Die Versprechen gegenüber jedem in seiner Nähe: sich nicht mehr zu erinnern und kein Wort zu verlieren über das was gewesen war, ja nicht mal einen winzigen Raum zu lassen für die Vorstellung davon, er sei Teil gewesen von all dem.
Das Versprechen an sein Publikum, wenn er auftrat als Conferencier und Clown nach dem Krieg, nicht mehr als Jongleur und Artist wie noch vor Jahren, weil seine Hände nicht mehr ruhig bleiben konnten.

Sein Großvater mütterlicherseits starb kurz nach dem Tod der Großmutter. Vielleicht war auch dies die Einlösung eines stillen Versprechens, vielleicht hatte er sie nicht so lang warten lassen wollen. Er war nach ihrem Tod nicht in der Lage, sich selbst Kaffee zu machen. Er machte keine Witze mehr gegenüber seinen Enkeln und vergrub sich hinter einer elektrischen Schreibmaschine, die er nicht mehr anstellte. Er aß wenig, erntete nicht das Obst von den Bäumen und schwatzte nicht mehr mit den Nachbarn. Er verfiel schnell und folgte seiner verstorbenen Frau bald nach. Er wollte die Kaffeemaschine einfach nicht begreifen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.