Drei Narben: Kinn

1972
Vater schenkte mir die Schuhe,
band sie mir in aller Ruhe
an die Füßlein. »So mein Sohn,
roll mal schön! Du machst das schon!«
Machte ich auch. Ohne Bange
rollte ich zur Wäschestange
knallte kinnwärts mit Krawumm –
Narbe 1. Mein Schädel: Brumm!

1973
Sohn – da wäre ich ein schlechter,
wäre ich nicht auch ein rechter
Hasardeur in Fahrradfragen.
Ließ mich flott hangabwärts tragen,
unten stand mein großer Bruder.
Ich die Hände voll vom Ruder:
»Hallo Bruder!«, Lenker quer –
Narbe 2, na bitte sehr!

1974
»Heilger Geist!« So rief die Mutter,
weil ich mich, als wärs auf Butter,
mit dem Skateboard tüchtig schrägte,
als ich um die Kurve sägte
und dabei den Bordsteinrand
voll verfehlte. Dafür fand
ich gradeaus den Lampenmast –
Kinn voll drauf, die Narbe passt.

Moral
Einmal nähte man das Kinn.
Einmal klebte man es hin.
Einmal wurde es geklammert.
Immer habe ich gejammert.
Dreimal auf auf dieselbe Stelle,
heut noch findet man die Delle.
Soviel Kinderblödigkeit:
Narbige Dreifaltigkeit!

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