Zum aktuellen Stand der Sprachkritik

Es reicht’s nicht länger, „homogen“
und „übereinstimmend“ zu sein.
Es kann nicht „deckungsgleich“ allein
und „synonym“ so weitergehn.

Auch „einförmig“ ist uns zu schwach.
„Ununterscheidbar“ reicht nicht aus.
bei „einheitlich“ nimmt man Reißaus,
„unterschiedslos“ ist Weh und Ach.

Es müssen neue Worte her.
Die Sprache wird jetzt umgevolkt.
Wir haben uns flink, zäh, hart, schwer

und sinnhaft maximal umwolkt,
das Wort zum endlich-wieder-wer
aus Erbfeinds Achsel rausgepolkt:

identitär.

Im Café Herbst

Herren sprechen still in Apparate

Opernhäuser neigen zum Ermüden
Vögel sammeln sich bereits nach Süden
Damen lächeln still eine Fermate

Hundeleinen sichern schlaffe Rüden
Zuckerstreuer planen Attentate
Tauben tanzen eine Bachkantate
Fremde nuscheln lautstark Platitüden


Sonnenreste stürzen auf die Plätze
Stühle sind im Stapel halb verräumt
Ungeboben bleiben nun die Schätze

Säumnisstunden bleiben jetzt versäumt
Wunder gibts nur noch als Kaffeesätze
Ach, hätte ich doch alles nur geträumt

*
(Diese Zeilen verdanken einem Anlass
und einem Bilde sich.)

Abend, Dämmerung

Und wer seid ihr?

Zwei Krähen sind wir, wunderschön,
könn’ ungeküsst nach Hause gehn.
Das sind wir!

Ach so!
Ich dacht’, ich wäret Direktoren,
die sich am Abend selbstverloren
noch zwei, drei Kotletts blutig schmoren,
um dann wie kreischende Traktoren
den Schimmeln alle beide Sporen
hart in die Flanken reinzubohren
und rasch sogleich wie neugeboren
hoch in den Lüften zu rumoren.
– Das, dachte ich, seid Ihr.

Nein, tut uns leid, das sind wir nicht.
Schau: Wir sind ungeküsste Krähen.
Das kann man doch im Dämmerlicht
auch eigentlich gut sehen.

Ach so. Alles klar.
Nichts für ungut.

Im Sommer

Die Glut liegt waschbetonschwer auf Rabatten
Und Hitze greift das Jahr ganz ohne Bitten
Die Weiden schwitzen satt wie pralle Quitten
der Weltgeist droht in Wärme zu ermatten

Wer kann, lässt sich in kühler Gruft bestatten
Denn Geistes Schlaffheit lässt sich nicht lang bitten
Auf heißem Hengst kommt Schwüle angeritten
Hell ist das Licht und dunkel sind die Schatten

Darin, in Gruppen unter schweren Bäumen
Verweilen schläfrig matt, wie große Ziegen,
Zwölf Kühe, die von kalter Frische träumen

Sie tun, was man bei Hitze tun soll: liegen
Und könnten fast den Sommer so versäumen
Wär da nicht das Gebrumm von zwölfmal tausendutzend Fliegen


Vorankündigung:
Im Oktober wird im WOLL-Verlag ein Buch mit Cartoons von Rüdiger Tillmann erscheinen. Es trägt den prachtvollen Titel Kuhgeflüster. Ich steuere ein paar Gedichte bei – so zum Beispiel dieses Sommer-Gedicht. Watch out – there is more to come!

Der Sommer. Ein Loch.

Sommer ist von innen hohl
Wetter wettert kapriol
Mittendrin und brumm & dumm
steht das Sommerloch herum

Spannung ist wie weggefegt
Wichtiges ist abgelegt
Journalistenblütezeit
Handtuchthemen weit und breit

Müde scheint ein jeder Held
Schlaftablettenhaft die Welt
Selbst in Südamerika
langweilt sich Olympia

Dumme Jugend sowieso
schlapptrabt Pokémon-to-go
Trägheit zieht die Stiefel an
Merkel wandert mit dem Mann

Langeweile, Ach und Weh
schafft wie stets die SPD
Kanzlerhaft erleidet sie
Kandidaten-Allergie

Leer und trostlos noch und noch
Flügellahmes Sommerloch
Träg und monoton und viel
Fehlt bloß noch ein Krokodil